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Rosa Hoelger: Für immer Gummistiefel (Review)
| Artist: | Rosa Hoelger |
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| Album: | Für immer Gummistiefel |
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| Medium: | CD/LP | |
| Stil: | Liedermacherin, Folk, Indie, Pop |
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| Label: | unserallereins | |
| Spieldauer: | 47:39 | |
| Erschienen: | 06.02.2026 | |
| Website: | [Link] |
Für die Hitparade mit den seltsamsten Alben-Namen hat „Für immer Gummistiefel“ von ROSA HOELGER große Chancen auf einen Spitzenplatz. Und selbst wenn der erste Eindruck beim Lesen dieses Titels und dem Album-Opener „Gummistiefel“ sich die Vermutung breitmachen könnte, hier erwartet uns ein lustiges oder ironisches Album mit einer Note SPIDER MURPHY GANG oder ERSTE ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG, so liegt man komplett falsch. Denn die Liedermacherin ROSA HOELGER setzt auf ihrem Debüt-Album auf lyrische wie musikalische Tiefe, der oft eine gewisse Traurigkeit oder Melancholie innewohnt. So folgt sie deutlich den musikalischen Spuren einer ihrer Duett-Partnerinnen: DOTA KEHR. Oder sie folgt den Spuren von FORTUNA EHRENFELD, die allerdings noch ein wenig zu groß für sie sind. Interessant und passend sind sie allemal.
Dass sich die beiden Liedermacherinnen Kerr und Hoelger sehr ähnlich sind, spricht jedenfalls für die hohe Qualität hinter „Für immer Gummistiefel“, die man bereits auf dem zweiten Song „Sterne sehn“ deutlich zu hören bekommt.
Hinzu kommen die breit angelegten Arrangements, in denen Streicher und Akkordeon genauso vorkommen wie Vintage-Keyboards und sich so unweigerlich mal im Alternative-Bereich oder Indie-Folk tummeln. Sogar zärtliche Ausflüge in den Bar-Jazz, welche romantische Stimmungen verbreiten, sind feiner Bestandteil dieses vielfältig-stilistischen Albums, in dem Texte über den Alltag, die Liebe und das Leben, das nicht immer so wie gewünscht läuft, erzählt werden – so wie in „Papa wach auf“, in dem ein Vater mit traurigen Augen auf seine Kinder blickt, die in der „schaurigen, traurigen Erwachsenenwelt“ noch nicht so funktionieren wie gewünscht, während das Duett „Wow du bist ein Mensch mit Ambitionen“ mit Sangespartner TOBIAS DELLIT über die schwerer werdenden Belanglosigkeiten, die zu Problemen aufgebauscht werden, philosophiert.
Leider kommt der Musikerin viel zu leicht auch immer wieder der Nazi-Begriff von den Lippen – in einer Zeit, in der wir immer mehr erleben müssen, dass jeder Widerspruch oder jede gegensätzliche Meinung einfach mit dieser blödsinnigen, geschichtsvergessenen Keule niedergeknüppelt wird, die sich dann hinter 'unserer Demokratie' statt hinter 'der Demokratie' verbirgt.
Hier passt dann auch „23 Wow“ bestens, in dem einer der vielgescholtenen 'alten weißen Männer', zu denen auch der Verfasser dieser Zeilen gehört, besungen wird, der auf dem Parkplatz am Nachmittag ein junges Mädchen notgeil 'anmacht', es mit Worten und Gesten belästigt und sich die junge Dame im Nachhinein fragt: „Warum will ich nicht unhöflich sein zu wem, der nicht weiß, was Höflichkeit ist?“
Ja, wessen Problem ist das nun?
In „23 Wow“ gibt’s diesbezüglich keine Lösungsmöglichkeit, sodass am Ende diese junge 23-Jährige wie das Opfer eines Mittfünfzigers zurückbleibt, der mit dummen Anmachsprüchen sein eigenes kleinbürgerliches (Sex-)Leben persifliert.
Da sollte dann doch eher die Logik und der Weisheit letzter Schluss des folgenden Songs „Keine Probleme“ gelten: „Du hast keine Probleme! Die macht man sich!“
Oftmals sind ja gerade diese aufgebauschten Probleme für uns alten Säcke ebenfalls keine. Vielleicht sollten wir all den Schwachsinn – zu dem ausdrücklich auch das Gendern (zumindest aus Sicht des studierten Germanisten, der die deutsche Sprache auch unter dem Aspekt von Goethe und Schiller zu lieben gelernt hat) gehört – einfach mal sein lassen und nicht penetrant und permanent mit Verboten und Moralapostelei um uns hauen. Einander verstehen und tolerieren wäre da schonmal ein erster guter Ansatz. Und genau der wird in dem bedrückenden „Ein gutes Ende“ dann tatsächlich ebenso beeindruckend gesprochen wie gesungen: „Auch wenn wir niemals werden, was wir sind. Bleiben wir für immer, was wir waren!“
Genau! Daran sollten und müssen wir uns messen lassen. Das hat tatsächlich etwas Philosophisches. Macht nachdenklich und lässt einen Schatten auf dem zurück, was wir derzeit sind: „Zieh deine Bahnen, geh spazieren, wasch dich im Bach. Gib auf dich acht!“
Ein kluger Ansatz des wohl traurigsten Songs auf dem Gummistiefel-Album.
Der erfolgreichste Song hingegen ist wiederum der gemeinsam mit Dota Kehr eingesungene „Dieses verdammte Gefühl“ (über 100.000 Streams, die heutzutage bescheuerte Maßeinheit erfolgreicher Songs) und der letzte „Winter in Spechte“, der eine ähnlich Atmosphäre wie „Ein gutes Ende“ verbreitet. Eine winterliche Stimmung, die sich deutlich der Schönheit und Natürlichkeit mit traurigen Zeilen widmet.
FAZIT: Ein interessantes und abwechslungsreiches Debüt mit dem etwas befremdlichen Titel „Für immer Gummistiefel“ ist dieses Album von ROSA HOELGER geworden, die sich als Liedermacherin angenehm und oft nachdenklich durch ihre deutschsprachigen Indie-Folk- und Alternative-Songs singt und dabei immer den modernen wie eigenen femininen Ansatz nie aus den Augen lässt, um diesen klangvoll in Hörers Ohren zu pflanzen, um diesen am Ende mit einem „Wow du bist ein Mensch mit Ambitionen“ zu begegnen.
- 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
- 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
- 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
- 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
- 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
- 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
- Gummistiefel
- Sterne sehen (mit Dota Kerr)
- Jackett + Jogginghose
- Gute Seele
- Papa wach auf
- Romantik zu Kitsch
- Wow du bist ein Mensch mit Ambitionen (mit Tobias Dellit)
- Dieses verdammte Gefühl (mit Dota Kerr)
- 23 Wow
- Keine Probleme
- Ein gutes Ende
- Winter in Spechte
- Bass - Lewin Grosse, Vincent Ruge
- Gesang - Rosa Hoelger, Judith Retzlik, Dota Kehr, Tobias Dellit, Lisa Harres
- Gitarre - Rosa Hoelger
- Keys - Lewin Grosse
- Schlagzeug - Tommy Schwarzbach, Lewin Grosse
- Sonstige - Judith Retzlik (Geige, Bratsche), Johannes Bigge (Akkordeon), Max Meese (Posaune), Isaac Friesen (Kontrabass, Cello), Stefan Ebert, Maria Jacobi, Simon Eickhoff (Chor)
- Für immer Gummistiefel (2026) - 11/15 Punkten
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