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Mille Petrozza mit Torsten Gross: Your Heaven, My Hell - Wie Heavy Metal mich gerettet hat (Review)

Artist:

Mille Petrozza mit Torsten Gross

Mille Petrozza mit Torsten Gross: Your Heaven, My Hell - Wie Heavy Metal mich gerettet hat
Album:

Your Heaven, My Hell - Wie Heavy Metal mich gerettet hat

Medium: Buch
Stil:

Thrash Metal

Label: Ullstein Buchverlage
Spieldauer: 336 Seiten
Erschienen: 28.08.2025
Website: [Link]

Die Schule kannst du knicken, wenn du erfolgreicher Metal-Musiker werden, und, statt einer herkömmlichen Arbeit zu frönen, auch schon mal ein Leben in Saus und Braus – mit Kiffen und Koks – führen möchtest.

Eine solche Schlussfolgerung wäre einer sehr einseitigen Lesart von Mille Petrozzas Autobiographie geschuldet, gleichwohl nicht völlig an den langen Haaren herbeigezogen, auch wenn der KREATOR-Frontmann wiederholt betont, wie viel Glück er bislang in seinem wilden Leben hatte, während etliche Weggefährten von Drogen dahingerafft wurden. Letztlich habe ihn die Begeisterung für die Musik, genauer gesagt: den Thrash Metal, dessen deutschen Ableger er mit einigen Sandkastenfreunden vor rund 40 Jahren in Altenessen mitbegründet hat, davor bewahrt, zu tief und zu lange im Drogenmissbrauch zu versumpfen:

"Damals sind haufenweise Kindheitsfreunde bei harten Drogen gelandet. Ob mir das auch passiert wäre, kann ich nicht sagen, aber ich habe auch keinen Grund, das Gegenteil anzunehmen. Die Alternativen waren ohnehin spärlich: Ohne die Musik hätte ich vielleicht im sozialen Bereich gearbeitet (…). Wenn ich mir die meisten alten Freunde aber so angucke, ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass ich komplett abgerutscht und vermutlich schon gar nicht mehr am Leben wäre, so pathetisch das auch klingen mag."

In seinem Buch zeichnet der Gitarrist, der einst aus der Not heraus auch den Job des Sängers übernahm, die Entstehungsgeschichte von KREATOR in einem ziemlich lakonischen Tonfall nach, ohne dabei an Kritik gegenüber Anderen ebenso wie gegenüber sich selbst zu sparen. So überlässt er es zum Beispiel nach eigenem Bekunden bis heute "seinem" Schlagzeuger Ventor, Musiker von ihrem Engagement bei KREATOR zu entbinden, während er für solche unangenehmen Aufgaben nicht gemacht sei.

Die Begeisterung für KISS im Kindes- und für Venom und Konsorten im Jugendalter werden abertausende Metal Heads sicher ebenso gut nachempfinden können wie den in jenen jungen Jahren immer drängender aufkommenden Wunsch, den Idolen lautstark nachzueifern. Rückblicke auf die Aufnahmen der Alben "Endless Pain" bis "Renewal" sind differenziert geraten, einige Wiederholungen inbegriffen, was u.a. an Line-Up-Wechseln frei nach dem Motto "Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier" liegt.
En passant illustriert Mille die Entwicklung der Sozialstruktur in Altenessen, berichtet von jugendlich-naiver Orientierungslosigkeit und seiner Strategie, der Gewalt auf der Straße ziemlich erfolgreich aus dem Weg zu gehen, während ehemalige Kinder- und Jugendfreunde bereits früh in Sackgassen landeten, aus denen sie nicht mehr herausfanden. Sein wachsendes Interesse an Politik sowie seine Neigung zu eher linken Positionen schildert er vor diesem Hintergrund ebenso nachvollziehbar wie seinen keineswegs geradlinigen Werdegang zum Veganer.

Seine schwermetallische Erfolgsformel hat der KREATOR-Frontmann nun also auf rund 330 Seiten "zusammengefasst", und auch für langjährige Fans dürften die Erinnerungen an Begegnungen mit den jungen Celtic Frost, Karl Walterbach oder Harris Johns, sowie Jahre mit pausenlos aufeinander folgenden Album-Aufnahmen und bis nach Amerika führenden Touren wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert haben.

"Wir tourten durch die USA, und im Bandbus war jede Nacht Party. Tagsüber wurde gekifft, nach den Shows nahmen wir Kokain und Pilze, luden sämtliche Vorbands und Gäste ein, mit uns zu feiern, und nachts lagen wir nicht nur einmal in irgendwelchen Wüsten und umarmten bedröhnt und euphorisiert Kakteen. (…) Letztlich bezahlt man als Band also für alles. Das haben wir damals auf die harte Tour gelernt, viel Geld verdient haben wir auf unserer – bis dahin größten! – Tour jedenfalls nicht."

Dass es nicht ewig so weiter gehen konnte und der Stern des Thrash Metal eines Tages sinken würde, lag auf der Hand, und nach Jahren im Hamsterrad des Musikzirkus‘ nahmen sich KREATOR erstmal Zeit, um die Weichen neu zu stellen und schließlich ein Album aufzunehmen, dessen Stellenwert für die Band ungeachtet manch harscher Kritik außer Frage steht. Damit endet die Erzählung – fürs erste.

Es entbehrt keineswegs einer gewissen Situationskomik, dass Milles Biographie in einer Zeit erscheint, in der KREATOR u.a. auf den Titelblättern von Metal Hammer (sogar mit 7“ Single) und Legacy auftauchen, also unzweifelhaft zu einer ebenso großen Metal-Band geworden sind, wie sie Mille früher selbst verehrt oder auch den Rücken gekehrt hat (Metallica mit dem "schwarzen Album"), so wie derweil nicht jeder einstige Fan den heutigen "Stadion-Thrash" der Veteranen wertschätzt. Dass sich der Autor des Spiegel-Beststellers gegen die Wahrnehmung von KREATORs Musik als kommerziell wehrt, während zum Beispiel das "Deluxe-Box-Set" zum jüngsten Album "Krushers Of The World" bei Nuclear Blast für 115 € verkauft wird, mutet bestenfalls putzig an.
Einige historische Fotos, Konzertkarten und Artikel finden sich auf acht Seiten in der Mitte des Buches: Da ist manches Booklet von Wiederveröffentlichungen ergiebiger ausgestattet.

FAZIT: In seiner gemeinsam mit dem Musikjournalisten Torsten Gross verfassten Autobiographie "Your Heaven, My Hell" macht KREATOR-Frontmann Mille Petrozza aus seinem Herzen keine Mördergrube und schreibt über seine Entdeckung von Heavy Metal in Kindertagen, die ersten musikalischen Gehversuche als Teenager bis zur Veröffentlichung des quasi-revolutionären "Renewal"-Albums frei von der Leber, ohne seine Sicht der Dinge als alleingültige Wahrheit zu verkaufen. Im Rückblick auf einzelne Episoden spart er nicht an Selbstkritik und eröffnet Perspektiven auf größere Zusammenhänge, deren differenzierte Betrachtung den Musiker vergleichsweise sympathisch erscheinen lassen.

Thor Joakimsson (Info) (Review 62x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
  • Hail to the Hordes
  • Prolog
  • Altenessen
  • Die Kiss-Epiphanie
  • Die Klasse von 1984
  • Von Proberaum zu Proberaum
  • School of Metal
  • Die erste Liebe
  • Satan is Real
  • Die Tapetrader-Connection
  • Der erste Rausch
  • Das erste Album
  • Die Verlierer
  • Die Reifeprüfung
  • Versuchungen und sonstige Optionen
  • Die erste US-Tour
  • Ein halber Amerikaner und andere Enttäuschungen
  • Extreme Aggression
  • Täglich grüßt das Murmeltier
  • Die Zeiten ändern sich
  • Die Revolution frisst ihre Kinder
  • Zu neuen Ufern
  • Das Ende einer Ära

Besetzung:

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