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Interview mit PHANTOM CORPORATION (03.01.2026)

PHANTOM CORPORATION

Wer ein Album im Dezember veröffentlicht, könnte Gefahr laufen, im unheiligen Trubel jener Tage übersehen bzw. überhört zu werden – nicht jedoch die Death-Crust-Combo PHANTOM CORPORATION, die mit ihrem zweiten Album "Time And Tide" so gewaltig auftrumpft, dass es für Fans derlei Krachs kaum ein Vorbeikommen an der schartigen Scheibe gibt, die nach rund vierzig Minuten intensivem und gar nicht so monotonem Geballer die "Western Apocalypse" einläutet. Ich erreiche Bassist Ulf Imwiehe wenige Tage nach zwei Release Shows, die dank der Wahl der Locations nicht gerade als handelsüblich verbucht werden konnten – oder vielleicht doch? Sie fanden nämlich im Plattenhandel statt, also da, wo noch "echte" Tonträger angeboten werden und Zeit für einen Schnack zwischen Fans bleibt, ähnlich wie heute Abend…

Du hast wahrscheinlich ein erinnerungswürdiges Wochenende hinter dir. Ich habe mir gerade auf Eurer Seite im Fratzenbuch die Aufnahme bei Hot Shots Records angesehen. Abgesehen davon, dass das ein skurriles Setting ist und ich lustige Erinnerungen an den Laden habe, habe ich mich gefragt, wie es Dir wohl bei dem Gig geht, wenn Du beim Spielen in ein Plattenregal guckst und feststellst "scheiße, das Ding wollte ich schon immer haben"...

Das ist tatsächlich so gewesen. Bei Hot Shots Records in Bremen ging es noch, denn die hatten eine ausziehbare Bühne, das war noch relativ komfortabel. In der Plattenkiste in Hamburg haben wir wirklich zwischen den Regalen gestanden und ja, da konntest du nebenbei so ein bisschen blättern. Ich hatte mir auch das Death-Metal-Regal ausgesucht, wo die ganzen alten Schätze standen. (lacht) Also, ich finde es spannend, vor lauter Leuten zu spielen, die man kennt. Das ist schon immer was Besonderes, noch dazu in einem so engen Rahmen. Es hat total Spaß gemacht und kam auch super an. Wir hatten sogar einen Bomben-Sound an beiden Abenden, weil uns jeweils ein Kumpel gemischt hat, das war prima, rundum geil.

Und es passiert wahrscheinlich nicht allzu oft, dass Du um diese Uhrzeit spielst und dann schon der Butterkuchen auf Dich wartet, oder?

Nein. In Bremen haben wir, glaube ich, um sechs Uhr angefangen, in Hamburg tatsächlich schon um drei Uhr, weil am selben Tag auch Smoulder gespielt haben und noch ganz viele andere Veranstaltungen stattfanden. Viele Leute, die bei uns waren, wollten abends ins Bambi zu Smoulder. Deswegen hat Chris, der Inhaber von der Plattenkiste und Veranstalter, das so gelegt, dass das irgendwie beides passt. Das war ganz cool.

Ich finde, im Vergleich mit "Fallout" klingt "Time and Tide" deutlich unbarmherziger. Bei zehn von elf Liedern signalisiert Ihr ja, dass jetzt mal keine Zeit zum Durchatmen ist…

Ja, durchaus, doch es geht auch mal in die andere Richtung. Wir legen auf jeden Fall Wert auf Hooklines und auf kleine Melodie-Parts und so weiter. Selbst so ein Knüppelding wie "Pound Of Flesh" hat einen für Schweden-Death typischen episch-melodischen Fist Raising Part, das ist uns schon wichtig.
"Time and Tide" ist in einer Zeit entstanden, die, sowohl für die Band als Ganzes wie auch für die individuellen Songwriter, nicht so ganz rosig war, und das hat sich wahrscheinlich in der Musik und auf jeden Fall in den Texten manifestiert, gerade in denen von Philipp und auch in meinen, zum Beispiel in "For All The Wrong Reasons" oder auch "Crisis". Auch die Aufnahmen waren recht intensiv. Wir hatten 15 oder sogar 16 Songs fertig geschrieben und arrangiert, die waren alle spielbereit. Das heißt, wir konnten, was eigentlich selten vorkommt, ins Studio gehen und uns dann den Luxus leisten, ein paar Sachen nochmal auszuprobieren. So haben wir intensiv an den Vocals gefeilt, auch an den Wechselgesängen zwischen Leif und mir. Philipp hat "Dead Of Night" mitgesungen, das war uns wichtig. Doch dieser Prozess war aus den unterschiedlichsten Gründen fordernd – und auf jeden Fall menschlich bereichernd, also für uns als Band sehr wichtig und kostbar, weil wir alle gleichzeitig im Studio sein konnten. Selbst als Mücke beispielsweise seine Drum Parts schon nach anderthalb Tagen eingenagelt hatte, blieb er trotzdem da, und wir haben die Aufnahmen alle gemeinsam gehört. Das war sehr gut, und ich glaube, diese Intensität und das Dunkle der Musik sind den individuellen Phasen, durch die wir alle gegangen sind, geschuldet. Und das hat sich dann in der Musik mehr oder weniger niedergeschlagen.

Ich glaube, kurz bevor Ihr ins Studio aufgebrochen seid, hattest Du geschrieben, dass Ihr alle zusammen dorthin fahrt. Das führte bei mir zu der Überlegung, inwiefern das so ein bisschen was von einer Klassenfahrt hat: Einfach mal zusammen raus – wobei ich mich auch gefragt habe, wie Ihr es schafft, dabei so etwas dicht Finsteres zu produzieren?

Die Finsternis war vorher schon da, und das war uns vorher schon klar. Unsere Songs entstehen so, dass Arne, Philipp und ich jeweils für uns selbst schreiben. Wir identifizieren uns als Bremer Band, auch wenn nur drei von uns als Bremer auch immer vor Ort sind, nämlich unser Schlagzeuger Marc-André, unser Gitarrist Arne und ich. Wir gehen in den Proberaum und arrangieren diese ganzen Songs.
Ich halte Philipp für einen brillanten Songwriter, und aus gewichtigen Gründen kann er nicht mit uns live spielen. Es war bei diesem Album meine Aufgabe, Philipps Songs zu arrangieren, das heißt sie nicht groß zu verändern, doch zu prüfen: "Ah, okay, da kommt jetzt eine typische PHANTOM-CORPORATION-Schleife – die hatten wir eigentlich schon oft, lass uns mal gucken, ob wir das nicht ein bisschen abändern können." Das ist die Aufgabe des Kerntrios, das so ein bisschen freizulegen, weißt du. Und anschließend treffen wir uns zu viert, das heißt der Leif ist dann dabei, damit wir die Vocals ausarbeiten können. Das war bei dieser Platte auch so. Ich habe ja relativ viel Texte geschrieben und für alle Songs, bei denen ich die Texte geschrieben habe, auch die Vocal Patterns, die Hooklines und so weiter arrangiert, das muss ja einfach passen. Da hatten wir intensiv dran gearbeitet, sodass alles schon vorher stand.
Ich glaube, die Energie, welche die Musik neben der Finsternis transportiert und sie vielleicht auch ein bisschen besonders macht, speist sich aus dieser Stimmung, die du gerade als Klassenfahrt beschrieben hast. Das kann man durchaus so stehen lassen. Das Studio vom Jörg Uken, die Sound Lodge, hat eine Künstlerwohnung, die mit Etagenbetten und so weiter ausgestattet ist. Das war echt nett, wir haben dann halt einfach da gewohnt, gegrillt, mit Jörgs Familie abgehangen und nebenbei halt einfach die Platte aufgenommen. Es schlich sich irgendwie so ein netter Alltag ein, der vom Feeling her wirklich was von einer Klassenfahrt hatte. Leif und ich haben von da aus mobil arbeiten können, was super angenehm war. Wenn du uns beobachtet und nicht gewusst hättest, was dabei entsteht oder was diese Band auszeichnet, würdest du nicht damit rechnen, dass das so ein Gekloppe wird. Und ich glaube, das ist das, was beides so ein bisschen verbindet. Ich scheue mich, Begriffe wie "Katharsis" zu bemühen, doch irgendwie trifft das schon zu: Du kanalisierst eine gewisse Zeit und gewisse Erfahrungen in das, was du anbietest und was du mit den Menschen teilen willst. Gleichzeitig verspürst du diese positive Energie, weil bei PHANTOM CORPORATION einfach der Verbund wichtig ist – diese speziellen Menschen zusammen, die machen diese Band aus. Das ist ganz, ganz wichtig. Auch Philipp gehört unverbrüchlich dazu, selbst wenn er nicht mit uns live spielt. Philipp hat uns im Studio besucht, und wir haben ihm eine Akustikgitarre in die Hand gedrückt und gesagt, dass er etwas darauf spielen soll. Das ist in "Western Apocalypse" zu hören, und "Dead Of Night" hat er spontan im Duett mit Leif gesungen. Dieser menschliche Faktor ist uns ganz wichtig und macht die Band besonders.

Als ich den Text von "Western Apocalypse" gelesen und letzte Woche Nachrichten geguckt habe, da erschien es mir wie ein ganz schlechter Treppenwitz, dass ausgerechnet wenige Tage vor Album-VÖ Donald Trump fast sowas wie einen Promo-Text zu diesem Song verfasst hat. Angesichts der Bilder, die er bemüht hat, finde ich die inhaltliche Nähe schon krass. Ich weiß, dass Ihr es nicht so gemeint habt, doch wir leben ja im Zeitalter von Fake News, und es fällt nicht allzu schwer, das entsprechend zu drehen…

In gewisser Art und Weise schreiben sich diese Texte wie von selbst. Manche sind ein bisschen konkreter. Philipps Texte, zum Beispiel "Western Apocalypse", sind im positiven Sinne ein bisschen plakativer. Meine Texte wie "Pound Of Flesh", "Crisis" oder auch "To Be Healed" sind ein bisschen offener. Insgesamt ist es uns wichtig, dass wir die Erfahrung, das Erleben und die Eindrücke, die einen überkommen, wenn man so in die Welt blickt – und Trump ist da natürlich ein sehr gutes Beispiel, aber man muss ja nicht nur in die USA gucken – zu bündeln, greifbar und auch anschlussfähig zu machen. Natürlich arbeiten wir viel mit Metaphern, Formulierungen und so weiter, die vielleicht ein bisschen offener sind, aber das ist auch unser Anspruch. Ich habe es irgendwo im Interview gesagt: Wir sind nicht die Tagesschau mit D-Beat, doch wir haben natürlich eine Haltung, die, glaube ich, unmissverständlich ist. Natürlich ist die auch dem Genre geschuldet, in dem wir tätig sind – wenn man überhaupt von einem Genre sprechen kann.
Crust ist bei uns einfach wichtig, nicht nur musikalisch, nicht nur ästhetisch, sondern eben auch, was die Haltung angeht. Man könnte sagen, das ist ein Zufall, dass das jetzt alles irgendwie so zusammenfällt, doch ich habe den Eindruck, dass sich das spätestens seit Corona alles irgendwie auf so eine komische Art und Weise verselbstständigt hat. Mir kommen Gesellschaften oder Zivilisationen manchmal so vor, als wären sie kollektiv suizidal und bräuchten immer wieder diesen Niedergang und dieses Kreiseln um den Abfluss. Diesen Eindruck habe ich seit einigen Jahren und ich glaube, das bildet sich auch in den Lyrics ab. Viele Texte sind ja tatsächlich auch eher persönlicher Art oder es sind auch einfach Metal- und Fantasy-Texte dabei, wie "Sorcerer" oder "Dead Of Night", die man aber auch auf mehreren Ebenen lesen kann. Sowas finden wir ganz reizvoll.

Du hast heute im Deaf-Forever-Forum angekündigt, dass noch mit weiteren Songs aus der Aufnahmesession zu rechnen ist.

Ja, das wird auf jeden Fall passieren. Wir haben 16 Songs geschrieben, arrangiert und auch fertig aufgenommen. Wir haben alles eingenagelt, jede einzelne Note, die wir im Vorfeld kreiert haben. Und dann ging es halt daran, auszuwählen, was wir auf die Scheibe nehmen. Und als ich das Material in fertig produzierter Form hörte und das großartige Artwork von diesem norwegischen Künstlerkollektiv sah, fiel mir auf, dass einige Songs, die nicht auf dem Album gelandet sind, ziemliche Überraschungen bieten, auf die ich stolz und sehr gespannt bin, wie die ankommen werden. Also habe ich folgendes angeregt: "Leute, wir konkurrieren mit niemandem – nicht, weil wir so toll, sondern weil wir im Großen und Ganzen komplett irrelevant sind. Wir müssen uns nicht wie The Haunted Gedanken über den Markt machen. Die müssen gucken, dass sie bei 42 Minuten landen, um das Ganze verkäuflich zu machen. Wir können darauf scheißen, ob die Leute unsere Platte irgendwie aufteilen, damit es dann in einer Playlist oder bei fucking Spotify funktioniert, das ist uns einfach alles scheißegal. Lasst uns doch ein Doppelalbum machen!"
Nun haben wir mit Philipp und mit Leif zwei Leute in der Band, die ein bisschen aus der Business-Ecke kommen und für Century Media arbeiten beziehungsweise gearbeitet haben, und die das ein bisschen kritisch sahen. Bei unserem Label kam die Idee bei einer Person sehr gut an, und die verstand das auch als Statement, wenn eine Band mit unserem Standing ein Doppelalbum schön im Gatefold raushauen würde, womit keine Sau rechnet. Doch es wäre dann natürlich auch kostspielig, und mittlerweile habe ich eingesehen, dass 60 bis 70 Minuten dieser Art von Musik vielleicht doch ein bisschen too much wären. Ich will jetzt nicht sagen, dass die Songs, die wir nicht auf das Album genommen haben, komplett anders klingen. Das ist nicht so. Teilweise klingen die mindestens genauso krass. Es sind allerdings ein paar Stücke dabei, von denen ich denke, dass die noch ein bisschen mehr Würze reingebracht hätten. Doch auch als Verfechter der Doppel-LP-Idee bin ich komplett glücklich mit "Time And Tide", so wie es ist. Einige Songs, die ich vorher gut fand, aber die mich nicht so in Flammen gesetzt haben, liebe ich mittlerweile. Und die anderen Songs werden auf jeden Fall noch veröffentlicht. Die sind einfach viel zu gut, als dass wir da nichts mit machen. Wir haben uns dafür ein besonderes Format ausgedacht, das wir auch schon mal gebracht haben, und ich denke, ich kann verraten, dass wir ein Split machen werden. Es ist noch nicht so ganz klar, mit wem, doch das Split-Format steht fest. Mit Harrowed hatten wir eine, ebenso mit Slaughterday, und jetzt machen wir noch eine, auf der wir diese fünf Songs dann endlich präsentieren werden.

Was das Format angeht: Ich hatte bei Euch die Kassette bestellt und war erstaunt, die in so einem stabilen Schuber vorzufinden, gerade wenn Du sagst, dass Ihr Euch um nichts Sorgen machen müsst und so…

Ich liebe Tapes und bin auch richtig glücklich mit der Kassettenvariante, die wir da anbieten. Da muss ich ganz eine dicke Lanze brechen für unser Label Supreme Chaos Records, dass so eine Pimmel-Band wie wir alle möglichen Formate bedienen kann. Das hast du jetzt auch nicht wirklich überall.

Thor Joakimsson (Info)
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