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Brad Mehldau: Jacob's Ladder (Review)

Artist:

Brad Mehldau

Brad Mehldau: Jacob's Ladder
Album:

Jacob's Ladder

Medium: Do-LP
Stil:

Progressive Rock, Jazz, Klassik, Minimalmusic, Electronics

Label: Nonesuch/Warner Music
Spieldauer: 70:10
Erschienen: 17.06.2022
Website: [Link]

Wenn BRAD MEHLDAU, einer der größten modernen amerikanischen Jazz-Pianisten, der gerne in einem Atemzug mit KEITH JARRET, BILL EVANS und OSCAR PETERSON genannt werden darf, mit uns seine Jakobsleiter besteigt (getreu der Geschichte des Buches Genesis über Jacobs Traum von einer Leiter, die ihm während der Flucht vor seinem Bruder Esau den Weg zum Himmel öffnet), dann offenbart er gleich zweierlei für ihn und sein Leben immens wichtige Eckpunkte:
* Die Hinwendung und Suche zu/nach Gott sowie der Reflektion der Heiligen Schriften (Mehldau dazu: „Wir werden nahe bei Gott geboren, doch je weiter wir reifen, desto beständiger rücken wir aufgrund unseres jeweiligen Egos weiter und weiter von ihm ab.“) und...
* Seine musikalisch Leidenschaft für den Progressive Rock, den er in seiner Jugend über alles liebte und der ihm das große musikalische Tor über die Fusion hin zum Jazz, natürlich dem der progressiv rockigeren Art, öffnete.

Das alles ist im Inneren des Gatefold-Covers – wo auch alle Texte zu finden sind – als Begleittext nachzulesen.

Mehldau, der zudem 2006 ein richtungsweisendes Jazz-Rock-Album gemeinsam mit PAT METHENY veröffentlichte, greift ständig für seine Musik interessante Ideen aus den Bereichen Rock und Singer/Songwriter auf, sodass er gerne beispielsweise RADIOHEAD oder NICK DRAKE in seine Jazz-Kompositionen mit einfließen ließ. Dieses Mal aber sind es die großen Meister des Progressive Rock, die sein aktuelles Doppel-Album, welches er während des großen pandemischen Lockdowns einspielte, bevölkern. Noch dazu lässt er – der zudem die deutsche Kultur liebt, weswegen seine Stücke oftmals auch deutsche Titel tragen – nicht nur einen deutschen Titel („Herr und Knecht“), sondern gleich den dazugehörigen umfangreichen deutschsprachigen Text von HEGEL, gesprochen (oder besser beinahe geschrieen) von TOBIAS BADER, auf der ersten LP-Seite mit einfließen.

Für „Jacob's Ladder“, diese großartige, extrem vielschichtige und vom Vinyl-Sound her grandios klingende (Die gelungenen Stereo-Effekte sind an jeder Musik-Anlage ein Hochgenuss!) Doppel-LP des 1970 geborenen Jazz-Pianisten, müsste man im Grunde eine völlig neue Kategorie – nennen wir sie einfach Mal 'Progressive Jazz-Rock-Klassik' – erfinden.

Das Album beginnt unmittelbar mit einem echten Hammer: „- Maybe As His Skies Are Wide -“. Inspiriert von RUSHs „Tom Sawyer“ wird der Hörer mit einer musikalischen Wundertüte aus einer fragilen, hohen Kinderstimme begrüßt, zu der sich kurz darauf ein klassischer Flügel gesellt, dann Glockenspiel und Schlagzeug sowie elektronische Tastenklänge plus Synthesizer hinzukommen. Ein filigran und minutiös durchkomponiertes Stück, mit dem Mehldau neben der klangvollen Erleuchtung auch seine gläubige Absicht hinter der Musik zum Ausdruck bringt, indem er folgendes damit zu bewirken beabsichtigt: „'Jacob's Ladder' beginnt mit einer Kinderstimme an jener Stelle in Gottes Nähe. […] Die Platte endet mit meiner Vorstellung vom Himmel, erneut durch die Augen eines Kindes betrachtet – seines Kindes, in ewiger Gnade, in Ekstase.“

Doch alles Göttliche hin oder her (auch wenn es uns das komplette Album lang unerlässlich verfolgt und auf dem Sprechtext von „Vu correndo te encontrar / Racecar“ dann doch deutlich übertrieben wird, selbst wenn dieser daraufhin in eine unverkennbare RADIOHEAD-Referenz der Marke 'Kid A' übergeht) – natürlich lebt „Jacob's Ladder“ in erster Linie von der Vielfalt der Musik. Eine hypnotische und zugleich experimentelle Mischung, die uns auf die Jakobsleiter mitnimmt, welche von Stück zu Stück immer wieder neue, mitunter gänzlich überraschende Klanggebilde hervorzaubert, bis wir am Ende tatsächlich die letzte Musik-Sprosse zum Himmel erklommen haben. Ein Himmel, der sich aus komplexem Progressive Rock, Jazz, Klassik, Minimalmusic, Electronics und der anregenden 'Nachahmung' progressiver Rockmusik-Klassiker von RUSH über GENTLE GIANT bis YES zusammensetzt. So wird RUSHs „Tom Sawyer“ bei Mehldau zu einem ungeahnten Musikerlebnis, das diesen Song – für viele RUSH-Fans ein Meilenstein ihrer Ära – zu einer der spannendsten Interpretationen, die man sich je vorstellen konnte, wird, bei der zudem neben dem ausgezeichneten Gesang von CHRIS THIELE die bereits das Album so beeindruckend eröffnende Kinderstimme von LUCA VAN DEN BOSSCHE auftaucht. Womit wir nach Mehldaus Intention wiederum dem Göttlichen – verkörpert durch das Kindliche – verdammt nahe sind.

Auch hierbei verfolgt BRAD MEHLDAU eine klare Richtlinie, die jedem, dem Progressive Rock am Herzen liegt, trotz aller jazzigen Elemente, Freudentränen in die Augen treiben sollte, die spätestens bei den offensichtlichen Vorbildern, denen auf der Doppel-LP gehuldigt wird, zu fließen beginnen: „Der musikalische Leitfaden ist der Progressive Rock, der die Musik meiner Kindheit – bevor ich den Jazz für mich entdeckte – ausmachte. […] Prog öffnete mir die Tür zur Fusion von MILES DAVIS, von WEATHER REPORT, dem MAHAVISHNU ORCHESTRA und anderen Gruppen, die mir wiederum den Weg zu viel mehr Jazz wiesen.“

Daher ist die komplette LP-B-Seite ausschließlich von den beiden Prog-Bands GENTLE GIANT (inklusive komplexer Satzgesänge) und RUSH geprägt, deren Stücke „Cogs In Cogs“ des 1974er-Albums „The Power And Glory“ und besagtes „Tom Sawyer“ vom 1981er-Album „Moving Pictures“ ihre jazzige Wiedergeburt erfahren. BRAD MEHLDAU jedenfalls covert die Songs nicht etwa, sondern zollt ihnen mit seinen Stücken ein ungewöhnliches Tribut.

Tatsächlich steht im Mittelpunkt des gesamten Doppel-Albums der Progressive Rock, der dem Jazz und dem Glauben seine Türen öffnet und sie einlässt, diese herzlich aufnimmt und mit ihnen auf faszinierende Weise fusioniert – fast wie eine Drillingsgeburt, die durchaus auch mal die elektronische Geburtszange ansetzt, welche ganz intensiv auf der LP-C-Seite zugreift und alle, welche NIEMEN und sein faszinierendes, stark elektronisch geprägtes Solo-Album „Katharsis“ (1975) kennen, in wahren Hochgefühlen schwelgen lassen wird, selbst wenn der Jazz-Anteil (umfangreiches Piano-Solo auf dem zweiten Teil von „Jacob's Ladder“) bei Mehldau erheblich höher ist.

Ruhig und fast ein wenig beschwörend endet das Album mit dem dritten „Jacob's Ladder“-Teil, dessen Betonung auf einer Bassklarinette, die an JAN GARBAREK erinnert, sowie gesprochene Soundcollagen liegt, bis mit dem vierteiligen „Heaven“, bei dem zudem YES zitiert wird und der kindliche Gesang erneut in den Mittelpunkt rückt, die himmlischen Höhen sowie der ewige Frieden hinter „Jacob's Ladder“ erreicht werden.

FAZIT: Vielleicht werden einige zurückschrecken, wenn sie erfahren, dass im Mittelpunkt des neusten Werks des amerikanischen Jazz-Pianisten BRAD MEHLDAU der Progressive Rock und christliche Schriften samt Bibel-Zitaten stehen. Dabei ist „Jacob's Ladder“ am Ende doch ein begeisterndes, extrem komplexes Album mit viel (besonders kindlichem) Gesang geworden, das als Doppel-LP zudem einen faszinierenden Stereo-Klang bietet. Und alle Ungläubigen werden für das Ertragen des einen oder anderen ausgiebigen Zitats aus heiligen Schriften mit schwer beeindruckender Musik zwischen Progressive Rock, Jazz, Electronics und Klassik sowie Minimalmusic belohnt.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 860x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 12 von 15 Punkten [?]
12 Punkte
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Tracklist:
  • Seite A (17:16):
  • - Maybe As His Skies Are Wide - (3.43)
  • Herr und Knecht (7:48)
  • (Entr'acte) Glam Perfume (5:45)
  • Seite B (20:26):
  • Cogs In Cogs I – Dance (4:11)
  • Cogs In Cogs I – Song (4:02)
  • Cogs In Cogs I – Double Fugue (4:31)
  • Tom Sawyer (7:44)
  • Seite C (18:02):
  • Vu correndo te encontrar / Racecar (5:05)
  • Jacob's Ladder – Liturgy (1:27)
  • Jacob's Ladder – Song (11:30)
  • Seite D (14:26):
  • Jacob's Ladder – Ladder (4:19)
  • Heaven: (10:07)
  • *All Once
  • **Life Seeker
  • ***Würm
  • ****Epilogue: It Was A Dream But I Carry It Still

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